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Anthroposophie

Eines gleich vorneweg: Waldorfschulen sind keine Weltanschauungsschulen. Die anthroposophische Lehre als solche ist KEIN Gegenstand des Unterrichts. Rudolf Steiner verstand unter Anthroposophie eine umfassende („kosmologische“) Anschauung des Menschen und der Welt.

 

Die spirituelle Dimension der Waldorfpädagogik

Anthroposophie – ein Problemfall der Waldorfpädagogik? 
Die spirituelle Dimension der Waldorfpädagogik war ein Thema, das am Anfang der Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) stand. Referent war Prof. Dr. Jost Schieren vom Fachbereich Bildungswissenschaft der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn, einer von elf Ausbildungsstätten für Waldorflehrer in Deutschland.

Schieren stellte einen Problemaufriss an den Anfang seiner Darstellung: Während der Praxiserfolg der Waldorfschulen dazu geführt habe, dass sie als erfolgreichste Strömung der Reformpädagogik in der Öffentlichkeit anerkannt werden, sei es um ihre Theorieseite ganz anders bestellt. Hier setzten Kritiker wie der Erziehungswissen­schaftler Prof. Dr. Heiner Ulrich an, die die Anthroposophie Rudolf Steiners als vorneuzeitliche, metaphysische Weltdeutung werten, die im Gegensatz zu Pluralität und Selbstbegrenzung der akademischen Wissenschaft stehe. Der in der Praxis erfolgreichen Waldorfpädagogik werde daher von dieser Seite oft nahegelegt, sie solle sich von Steiner distanzieren. Eine Pädagogik mit spirituellem Hintergrund gelte als “vor-aufklärerisch“; aus dieser Sicht erweise sich die Anthroposophie als „Problemfall der Waldorfpädagogik“ und behindere den Diskurs mit der universitären Welt. Dies lasse sich, so Schieren, auch anhand der Ablehnung der Akkreditierung der Freien Hochschule Mannheim durch den Wissenschaftsrat belegen, in deren Begründung von einer „außerwissenschaftlichen Erziehungslehre“ die Rede gewesen sei.

Schieren analysierte, woher diese Sichtweise kommt, die er als „außerordentlich verstellten Blick“ bezeichnete. Es werde davon ausgegangen, dass die Anthroposophie eine Art exklusives „Eingeweihtenwissen“ darstelle, eine „Ein-Mann-Wissenschaft“, die unkontrollierter Machtausübung und Manipulation Tür und Tor öffne und deshalb in der heutigen Zeit als antidemokratisch und intransparent gelte. Außerdem stehe die Rudolf Steiner entgegengebrachte Verehrung und das Anerkennen eines höheren Wissens, dem man sich unterwerfe, im Widerspruch zum Ideal der individuellen Autonomie. Hinzu komme der Vorwurf des Dogmatismus, der eine kritische Auseinandersetzung mit der Anthroposophie nicht zulasse.

Diese Betrachtungsweise habe sich die Anthroposophie sicherlich „nicht zu Unrecht zugezogen“, meinte Schieren, da es viele anthroposophische Ausdrucksformen gebe, die dieser Sicht Vorschub leisteten. Dies gilt aus der Sicht Schierens jedoch nicht für die Waldorfschulen: „Die Waldorfpädagogik der Gegenwart hat sich davon freigemacht. Sie antwortet auf die Fragen der Menschen und bemüht sich um Transparenz.“

Der Forderung der Kritiker, auf die spirituelle Dimension der Waldorfpädagogik zu verzichten, stellte Schieren im Folgenden ein Spiritualitätskonzept gegenüber, das aus seiner Sicht mit dem Denken der Aufklärung und der Neuzeit kompatibel ist. Die Erben Rudolf Steiners seien an dieser entscheidenden Stelle in ihrer Argumentation nicht „trennscharf“ genug, denn seine Anthroposophie werde als Lehre von der geistigen Welt dargestellt, aus der heraus er Ratschläge für die verschiedenen Praxisbereiche erteilt habe.

Im Zentrum von Rudolf Steiners Denken stehe jedoch die Freiheitsfähigkeit des Menschen und hier sieht Schieren eine Fortführung der Gedanken der Aufklärung, die deren Einseitigkeit überwindet: „Die Aufklärung hat die Autonomie des Menschen in seinem selbstständigen Vernunftgebrauch entdeckt. Sie hat diese Autonomie und Freiheit des Menschen allerdings mit dem Verlust seiner spirituellen Orientierung erkauft.“ Dies sei auch von Denkern wie Novalis oder Schelling kritisiert worden. Seither habe es nur die Wahlmöglichkeit zwischen Freiheit oder Spiritualität gegeben. Steiner habe in seiner Anthroposophie beide Bereiche miteinander verbunden. Diese neue Entwicklung durch das Werk Steiners sei bislang nicht wirklich verstanden worden. Steiners dynamischer Erkenntnisbegriff, der die Bedingungen des Zustandekommens von Erkenntnis kritisch durchleuchte, könne nicht als vormodern bezeichnet werden, betonte Schieren.

Im Zentrum von Steiners Begrifflichkeit stehe das Denken, durch das der Mensch als schöpferisch Erkennender an die Seinsebene der Dinge heranreichen könne: „Durch das Denken kann der Mensch sich in den Weltzusammenhang integrieren.“ Diese Erfahrung, die Steiners „Philosophie der Freiheit“ zugrunde liege, sei für den modernen Menschen von größter Bedeutung, da er die Welt dissoziativ und zerrissen erlebe.

Deswegen sei es auch das zentrale Anliegen der Waldorfpädagogik, die Schüler zu Selbständigkeit und Selbstbewusstsein auf der Grundlage eigenen Denkens zu erziehen. Es gehe darum, Erkenntniskräfte im Kind wachzurufen, nicht um eine „top down-Kultur“, so Schieren. Auch hier sieht Schieren eine konsequente Fortführung der Intentionen der Aufklärung: „Rudolf Steiner kritisierte , dass die mit der Neuzeit im 15. Jahrhundert eingetretene Bewusstseinswende in das Schulsystem noch keinen Eingang gefunden habe, indem das individuelle Denkvermögen der Schülerinnen und Schüler viel zu wenig angesprochen werde. Dies soll durch die Waldorfpädagogik geändert werden. Die eigene Denkaktivität, der individuelle Verstehensprozess der Schülerinnen und Schüler, sollen dezidiert gefördert werden.“

Am Ende von Schierens Ausführungen stand die Erläuterung eines so verstandenen spirituellen Ich-Begriffs – „das Kind schöpft sich aus sich selbst“ – den die Waldorfpädagogik als Alleinstellungsmerkmal für sich verbuchen könne. Schieren sprach in diesem Zusammenhang von einer „Ich-Pädagogik“, bei der es darum gehe, in sich selbst die Instanz wahrzunehmen, die entscheidet. Hier sieht Schieren eine Schwachstelle in der Erziehungswissenschaft: „Im gegenwärtigen akademischen Diskurs hat man sich von einem solchen Ich-Begriff verabschiedet. Die menschliche Persönlichkeit wird in der Regel als zusammengesetzt gedacht“, als „Konglomerat verschiedner Sozialisationserfahrungen“, betonte er.

Das Ich, wie es die Waldorfpädagogik begrifflich zugrunde lege, bilde sich außerdem am Du, deswegen werde die Klassengemeinschaft in der Waldorfschule auch von der ersten bis zur zwölften Klasse beibehalten und daraus ergebe sich auch die zentrale Stellung des Klassenlehrers in der Unter- und Mittelstufe. Schieren sieht in der Erziehung zur Autonomie einen wichtigen Bildungsauftrag der Waldorfschulen, da die gegenwärtige Kultur den Menschen entweder im Sinne des Determinismus oder als Produkt einer Zufallsevolution ansehe, nicht aber als zur Freiheit befähigtes Wesen.

Cornelie Unger-Leistner, Zusammenfassung des Vortrags von Prof. Jost Schieren auf der Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen am 16.11.2012

 

Quelle: www.waldorfschule.de

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