Bewegtes Klassenzimmer
Kommen die schulreifen Kinder heute in die 1. Klasse, kann der Lehrer oft feststellen: es ist nicht mehr selbstverständlich, dass sie einen intensiven Umgang mit der Natur pflegen, dass sie phantasievolle Spiele miteinander zu erfinden in der Lage sind wenn es freie Zeit auszufüllen gilt, dass ihre Grund legenden Sinne gut funktionieren, dass sie sich im sozialen Miteinander kreativ und rücksichtsvoll verhalten oder auch dass sie ohne weiteres fähig sind, zuzuhören, wenn andere Menschen reden oder zu verstehen, was diese sagen wollen. Oft kommen Kinder in die Klasse, die nicht einmal satt sind, bzw. morgens nichts oder fast nichts gegessen haben und das Gespür für die Bedürfnisse ihres Körpers teilweise verloren haben.
Mit solchen Kindern nun die Schulbank zu drücken und ihnen zu erzählen, wie sie schreiben müssen oder rechnen, wäre geradeso, als ob Sankt Martin dem frierenden Bettler einen Taschenrechner in die Hand drücken würde. Schon vor mehreren Jahren haben wir Lehrer der Rudolf-Steiner-Schule Salzburg uns Gedanken gemacht, wie man die unteren Klassen so gestalten könnte, dass diese Kinder eben (im Bild gesprochen) einen noch wärmeren Mantel bekommen können als bisher. Nach mehreren Anläufen gaben wir uns nun in diesem Schuljahr einen Ruck und installierten eine vollkommen reformierte Unterstufe (erste und zweite Klasse).
Eine völlig neue Möblierung kennzeichnet jetzt die erste und zweite Klasse: Klobige Schultische und verletzungsträchtige Stühle sind verbannt. Statt dessen gibt es leicht bewegliche, vielseitige Bänke und weiche Polster, auf denen es sich in allen möglichen Lagen sitzen und spielen lässt.
- Der Unterricht bildet hier eine Einheit von der ersten bis zur letzten Stunde. Das wird gewährleistet durch die möglichst durchgehende Anwesenheit des Klassenlehrers, durch möglichst wenig Bezugspersonenwechsel (die Fachlehrer kommen "auf Besuch"), durch den immer gleichen und leicht durchschaubaren Tagesablauf, durch die möglichst dichte Themenkonzentration der Unterrichtsfächer. Während der Woche spielen sich die gleichen Dinge zur selben Zeit ab, der regelmäßige Unterricht gibt den Kindern Orientierung und Halt.
- Wenn die Kinder in der Schule ankommen, haben sie oft einen langen Schulweg hinter sich (leider nicht wirklich einen Weg tätig gehend, sondern untätig im Zug, Bus oder Auto sitzend und allen möglichen Ereignissen ausgesetzt). Das entsprechende seelische Durcheinander muss sich nun im Klassenzimmer in Eins fügen. Oft toben nun schon vor dem Unterricht diese Kinder ihre Kräfte balgend, laufend oder kissenschlachtend aus. Nach dem gemeinsamen Morgenspruch, Morgenlied, rhythmischen Sprechen und Bewegen, ist jetzt auch Platz für Bewegungsspiele, für welche die Polster und Bänke sinnvoll eingesetzt werden können. Balancierend, kriechend, hüpfend, tastend, jubelnd schöpfen die Kinder miteinander die vielfältigen Möglichkeiten der für diesen Zweck geschaffenen phantasievollen Spiele aus.
Beim Spiel "Jungfrau und Drache" versucht ein Kind das andere von den Kissen (Insel) herunterzuziehen. Der blanke Boden ist das "Wasser" - in dieses darf die Jungfrau nicht kommen, sonst wird sie verschlungen... Neben dem Tastsinn werden so auch Geschicklichkeit und Kraft geübt. Aber eben auch ein kreativer und respektvoller Umgang bei körperlichen Auseinandersetzungen.
- Während eines ausgedehnten gemeinsamen Frühstücks (ca. 1/2 Stunde) können die Kinder ihre körperlichen Bedürfnisse stillen und gleichzeitig eine (oft unbekannte) Esskultur einer größeren Gemeinschaft (mit Gebet, sauberem Tisch, Unterlage, Aufmerksamkeit und Ruhe) üben.
- Ein ca. 45 min. dauernder Arbeitsteil, bei welchem die Kinder auf den Polstern sitzend gleichzeitig ihren Körper straffen müssen und so zu einer gesünderen Körperhaltung gelangen, ermöglicht nicht nur das Erlernen neuer Fähigkeiten (Rechnen, Schreiben, Lesen, Formenzeichnen), sondern dient auch der individuellen Hilfe und der Vertiefung bereits bekannter Lerninhalte.
- Danach schafft eine lange Pause (ca. 1/2 Stunde) im Freien wieder im wahrsten Sinn des Wortes Luft. Es werden den Kindern auch hier wieder mehrere Möglichkeiten angeboten, ihren Körper zu trainieren - ganz abgesehen davon, dass das bloße Draußensein schon ein Sinnestraining ist (leider etwas gemindert durch die wenige Meter entfernt auf dem Telekomgebäude befindliche Mikrowellen-Basisstation!). Sie können Seil hüpfen, Stelzen laufen, Versteinern spielen oder eben, was sonst noch an Möglichkeiten geboten ist.
- Der anschließende Fachunterricht findet in Epochen statt, so dass die Kinder jeden Tag der Woche in den selben Ablauf eintauchen können.
- Der Tageslauf schließt sich mit der Abschlussstunde, worauf sich die Kinder besonders freuen: Hier dürfen sie liegen oder sitzen, für sich allein oder eng beieinander, oben auf dem "Haus" thronend oder unten geborgen hingekuschelt (das "Haus" ist ein Innenraum im Innenraum der Klasse, gebildet durch die quadratförmig angeordneten und übereinander geschichteten Bänke). Nun dürfen sie sagen, was ihnen noch auf der Zunge liegt, welche Hausaufgabe denn gemacht werden soll, was sie sich noch wünschen - und vor allem: sie dürfen einer spannenden, langen Geschichte zuhören. So körperlich-seelisch-geistig gesättigt gehen die Kinder wieder nach Hause und ich bin überzeugt, dass das mit der Zeit auch zu Hause bemerkbar wird.